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Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft

Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e.V.

Hochwassereinsatz 1999




Ein Lkw stürzt im Schwarzwald zwölf Meter tief in einen Fluss. Fahrer eingeklemmt, nur der Kopf ragt aus dem Wasser.  Zur Bergung des Fahrzeugs wird ein 65-Tonnen- Kran benötigt - doch keiner ist verfügbar. Wie die Feuerwehr den Fahrer dennoch gerettet hat.



Vier Tage vor Weihnachten im vergangenen Jahr. Ein 24-Tonner ist auf der Bundesstraße 317 im Kreis Lörrach (BWÜ) unterwegs. Gegen 5 Uhr kommt das Fahrzeug im so genannten"Wührer Loch" in einer scharfen Rechtskurve von der Fahrbahn ab und stürzt in den Hochwasser fahrenden Fluss"Wiese". Um 5 Uhr 06 wird die Stützpunktfeuerwehr Schönau mit dem Stichwort "VU, eingeklemmte Person"  alarmiert.  Auf Nachfragen bei der zuständigen Leitstelle Lörrach erfahren die Kameraden, dass ein Lkw in die Wiese gestürzt sei und Personen eingeklemmt sind.

Es rücken um 5 Uhr 12 aus: Einsatzleitwagen ELW 1, Tanklöschfahrzeug TLF 16/25 und der Rüstwagen RW 1. Sechs Minuten später folgt das Löschgruppenfahrzeug LF 16-TS.  Um 5 Uhr 17 treffen die ersten Feuerwehrleute an der Einsatzstelle ein. Ein Rettungswagen des Deutschen Roten Kreuzes ist bereits vor Ort.  Vom Fluss sind in der Dunkelheit Hilferufe zu hören.    Der stellvertretende Kommandant ordnet nach einer ersten Erkundung an, dass zuerst eine umfangreiche Beleuchtung aufgebaut werden muss - auch, um die eingesetzten Kräfte vor einem Abstürzen in den Fluss zu schützen. Erst jetzt im Licht der Scheinwerfer wird das volle Ausmaß des Unglücks sichtbar: etwa zwölf Meter unterhalb der B 317 liegt ein Lkw im Fluss. Etwa acht Meter vom Ufer entfernt. Der Aufbau ist teilweise abgerissen, das Fahrerhaus ragt nur noch 80 Zentimeter aus dem Wasser.

Taucher und ein Kran müssen her

Auf Grund der Lage fordert der Einsatzleiter sofort die Freiwillige Feuerwehr Schopheim mit dem RW 2 (Boot) sowie den Kreisbrandmeister an. Die Bergwacht Schönau hat bereits die DRK- Leitstelle Lörrach alarmiert.  Der Kreisbrandmeister wiederum lässt auf der Anfahrt zusätzlich die DLRG Rheinfelden/Weil mit Tauchern sowie Neopren-Schutzanzügen verständigen.

Den Feuerwehrleuten ist zu diesem frühen Zeitpunkt bereits klar, dass ohne Kranwagen eine Rettung der Personen kaum möglich sein wird. Die Leitstelle wird beauftragt, von einem Privatunternehmen einen Kranwagen mit mindestens 40 Tonnen Hubkraft zur Einsatzstelle zu beordern.  Im Landkreis Lörrach gibt es ein Kranunternehmen mit ca. zehn Kränen. An diesem Morgen ist jedoch kein Fahrzeug greifbar. Alle von der Größe her in Frage kommenden Kräne sind auf Baustellen aufgebaut.

In Bad Säckingen im Nachbarkreis Waldshut hat ein weiteres Kranunternehmen seinen Sitz.Doch auch hier ist kein entsprechendes Fahrzeug verfügbar. So entschließt sich die Einsatzleitung um 5 Uhr 52, die BF Freiburg mit ihrem Kranwagen KW 28 anzufordern. Wohl wissend, dass die Anfahrt bis zu zwei Stunden dauern kann.

Der stellvertretende Kommandant der FF Schönau übernimmt die Einsatzführung direkt am Fluss.


Er lässt mit der Schiebleiter sowie mit Steckleitern eine provisorische Brücke zum Lkw errichten. Drei Kameraden klettern darüber auf den Lkw. Das Risiko, dabei in den reißenden Fluss zu stürzen, ist enorm hoch. Die Kameraden werden deshalb mit Fangleinen gesichert.

Am Lkw öffnen sie die Beifahrertür. Ein Schäferhund wird sichtbar. Darunter befindet sich der Fahrer - bis zur Brust im Wasser.  Der Mann ist bei Bewusstsein.Er sagt, dass seine Füße eingeklemmt sind. Die Feuerwehrleute versuchen daraufhin, den Schäferhund aus der Kabine zu ziehen.  Doch der Hund will sein Herrchen nicht verlassen und beißt einen der Helfer in die Hand. Erst als die Feuerwehrleute ihm die Schnauze zubinden, können sie ihn aus dem Lkw ziehen.

Zeitgleich sichern andere den Lkw hinten an einem Baum, damit er nicht wegrutscht.  Mit der Seilwinde des RW 2 wird dann versucht, das Wrack mitsamt dem eingeklemmten Fahrer ans Ufer zu ziehen.  Riskant - denn es müssen immer  zwei Kameraden auf dem Fahrerhaus des Lkw bleiben, um den ermüdeten und frierenden Fahrer an den Armen über Wasser zu halten.  Außerdem ist bei diesem Manöver der sprachliche Kontakt zum Fahrer enorm wichtig. Vor allem, weil unbekannt ist, wo der Mann eingeklemmt ist und wie die Verhältnisse unter Wasser sind.

<b>Nach fünf Metern ist vorerst Schluss</b>

Weiterhin besteht die Gefahr, dass der Lkw umkippt.  Dann würde der Fahrer ertrinken.  Es ist also äußerste Vorsicht geboten!  Tatsächlich gelingt es den Feuerwehrleuten, den Lkw etwa fünf Meter in Richtung Ufer zu ziehen.

Doch dann bleibt das Wrack an Baumwurzeln und großen Steinen hängen. Gleichzeitig meldet der Fahrer einen zunehmenden Druck an seinen Beinen.  Sofort klettert der anwesende Notarzt vom DRK ins Fahrerhaus - ohne irgendetwas ausrichten oder dem Fahrer helfen zu können. An dessen misslicher Lage hat sich nichts verändert, noch immer steht ihm das Wasser bis zum Hals.

Um 6 Uhr 25 trifft die DLRG mit acht Kräften an der Einsatzstelle ein. Nach kurzer Besprechung wird beschlossen, das Fahrerhaus mit hydraulischem Rettungsgerät zu öffnen, um besser an den Verunglückten zu gelangen.

Ein Taucher versucht im Innenraum des Fahrerhauses, an die eingeklemmten Beine heranzukommen. Ein Zweiter soll von außen die Lage erkunden. Vergeblich. Durch die reißende Strömung ist von außen absolut nichts zu erkennen.  Im Innenraum kann der Taucher durch Fühlen feststellen, dass der Verletzte im Kniebereich am Lenkrad und im Wadenbereich irgendwo zwischen Lenksäule und Fahrersitz eingeklemmt ist.

Zu sehen ist wegen des verschlammten Wassers nichts. Mit einer kleinen Rettungsschere kann der Taucher unter Wasser das Lenkrad teilweise durchtrennen. Im Kniebereich ist der Fahrer jetzt frei. Alle weiteren Befreiungsversuche scheitern - im Innenraum aus Platzgründen und im Außenbereich wegen der Strömung.

<b>Amputation vorbereitet</b>

Mittlerweile ist der Verletzte fast zweieinhalb Stunden im eiskalten Wasser und noch immer kein Kran verfügbar.  Der anwesende Arzt lässt über die DRK-Leitstelle vorsichtshalber ein Ärzteteam zur Unfallstelle kommen, um eventuell eine Notamputation vornehmen zu können. Es ist überhaupt nicht abzusehen, wann der Verletzte gerettet werden kann. Noch ist sein Kreislauf stabil, doch wie lange noch?

Um 7 Uhr 35 trifft der Kran der BF Freiburg an der Unfallstelle ein. Nach kurzer Besichtigung bringen die Freiburger ihr Fahrzeug in Stellung. Der Lkw wird so angehängt, dass sich das Fahrerhaus nicht drehen kann.  Denn nach wie vor sitzen zwei Kameraden auf dem Fahrerhaus, um den Oberkörper des Fahrers zu halten, damit er nicht ins Wasser sackt.

Zuerst versuchen die Feuerwehrleute den Lkw anzuheben.  Auf Grund der Größe und des Gewichtes des Lkw sowie der Ausladung von 22 Metern von der Straße bis zum Lkw ist dies nicht möglich. Die Hubkraft des Krans reicht nicht aus.

Um 8 Uhr 15 teilt das inzwischen eingetroffene Ärzteteam mit, dass eine Entscheidung herbeigeführt werden muss: Amputation oder Befreiung aus dem Wasser.  Ansonsten würde der Fahrer an Unterkühlung sterben.

<b>Alles auf eine Karte gesetzt</b>

Nach kurzer Rücksprache, auch mit dem Kreisbrandmeister, beschließen die Kräfte, alles auf eine Karte zu setzen. Allen ist klar, dass sich die Verletzungen des Fahrers bei dem nun folgenden riskanten Manöver noch vergrößern können. Andererseits will man ihm die Amputation ersparen. Der Kranführer stellt den Kran auf Handbetrieb um - der automatische Überlastschalter, der ein Kippen des Krans verhindert, wird ausgeschaltet.

Nun wird der Lkw so weit angehoben, bis sich der Kran auf einer Seite zirka 50 Zentimeter anhebt. Mehr ist nicht zu verantworten. Gleichzeitig wird mit der Seilwinde des Rüstwagens gezogen. Ein leichter Ruck.  Der Lkw geht etwas in die Höhe und rutscht über die im Flussbett liegenden Steine. Einen Meter vom Ufer entfernt bleibt das Wrack erneut hängen.  Die Wassertiefe beträgt an dieser Stelle nur noch 70 Zentimeter.

Nach nochmaliger Erkundung stellen die Taucher fest, dass der Fahrer nur noch zwischen Lenksäule und Sitz eingeklemmt sein kann. Ein Taucher befestigt daraufhin ein Drahtseil an der Lenksäule. Mit einem zuvor bereitgestellten Greifzug ziehen die Feuerwehrleute die Lenksäule nach vorne. Erfolgreich: die Beine des Fahrers sind frei.

Inzwischen ist ein zweiter Kranwagen aus Basel (Schweiz) mit einer Hubkraft von 65 Tonnen eingetroffen.  Doch um das Lkw-Wrack bergen zu können, müssen erst noch einige Bäume an der Böschung gefällt werden. Die Einsatzleitung lässt deshalb das Forstamt Schönau verständigen und bittet um die Entsendung von Fachpersonal mit entsprechendem Rückegerät. Eine halbe Stunde später sind die Baumfäller bereits vor Ort.  Während der Wartezeit haben sich die Kräfte eine kleine Pause gegönnt und eine kleine Stärkung zu sich genommen.

Um 9 Uhr kann der Fahrer aus dem Fahrerhaus gehoben und der Bergwacht zum Transport zur höherliegenden Straße übergeben werden. Hier nehmen ihn DRK-Kräfte und ein Notarzt in Empfang. Nach der Erstversorgung im Rettungswagen wird der Verletzte mit dem Rettungshubschrauber in die Uni-Klinik Freiburg geflogen.


Nachdem die Bäume gefällt und zur Seite gezogen sind, wird der zweite Kran in Stellung gebracht.  Die Bergung kann beginnen. Beim Anheben des Wrack löst sich die Pritsche vom Fahrgestell. Sie muss am Ufer gesichert werden, damit sie nicht von der Strömung mitgerissen wird.

Schwierige Bergung des Lkw-Wracks

Ganz langsam ziehen die beiden Kräne das Wrack Zentimeter für Zentimeter nach oben. Auf der Straße wird der Lkw nochmals abgesetzt, gedreht und schließlich auf einen Tieflader geladen.



Danach ist die Pritsche dran. Oder besser, die Reste davon. Es liegt nämlich nur noch der Boden im Wasser. Die Seitenwände sowie das Dach sind verschwunden.  Vermutlich von der Flut mitgerissen.  Da es sich hier um drei Teile in der Größe von ca. sieben Meter Länge, 2,30 Meter Breite und ca. 10 Zentimeter Dicke      handelt, wird das zuständige Amt für Gewässerschutz verständigt.  Sofort eingeleitete Kontrollmaßnahmen am Fluss entlang verlaufen allerdings negativ.  Schlussfolgerung: die Teile müssen in den Rhein geschwemmt worden sein.

Nachdem der Lkw verladen und die Unfallstelle aufgeräumt ist, endet der Einsatz für die Kräfte um 13 Uhr 44. Keine 13 Minuten später ist die Feuerwehr Schönau wieder einsatzbereit eingerückt. 

Schon am nächsten Tag erhalten die Kameraden die gute Nachricht: Der Fahrer hat keine schweren Verletzungen. Drei Tage nach dem Unfall wird er aus der Klinik nach Hause entlassen.

 

                                           Text und Fotos:
                                     Egon und Klaus Karte


Eingesetzte Kräfte:

FF Schönau: 
25 Kräfte mit ELW 1, RW 1, TLF 16/25 und LF 16-TS.
FF Schopfheim: acht Kräfte mit ELW 1 und RW 2.
BF Freiburg: drei Kräfte mit KW 28 und RW 1.
FF Lörrach: zwei Kräfte mit zwei Kdow.
Bergwacht Schönau: zehn Kräfte.
DLRG Rheinfelden/Weil:
acht Kräfte mit zwei Fahrzeugen.
Sonstige: 
vier Kräfte vom Rettungsdienst mit RTW und RTH; 
Kreisbrandmeister Bernd Schwäble mit ELW, 
zwei Mann vom Forstamt Schönau mit einem Rückefahrzeug und 
ein 65-Tonnen-Kran sowie ein Lkw der Firma Musfeld aus Basel. 
Außerdem Bürgermeister Seger aus Schönau; 
Kräfte der Straßenmeisterei
sowie der Polizei.

 

mit freundlicher Genehmigung entnommen dem Feuerwehrmagazin, Heft 11/2000.
Wir danken den Autoren sowie dem Verlag für die Unterstützung.