ERC-Leitlinien für die Wiederbelebung - Statement von 2010

Nach Veröffentlichung der Leitlinien 2015 weiterhin gültig

Nun stehen die aktualisierten Leitlinien für die Wiederbelebung online. Nicht neu und keine Richtlinien. Dies wird auch in der zeitgleich vom German Resuscitation Council (GRC) veröffentlichten vorläufigen deutschen Fassung zum Ausdruck gebracht.

Nach wie vor ist die Wiederbelebungsforschung ein junges Feld der Medizin und jede beantwortete Frage wirft neue auf.

So wird das besonnene Vorgehen bei der Aktualisierung der Leitlinien vor allem damit begründet, dass sich zum Teil die Evidenz für 2005 getätigte Aussagen gefestigt hat, teilweise sich aber keine neuen stichhaltigen Gesichtspunkte dafür ergeben haben, Aussagen zu ändern.

Auf 233 Seiten im Original und 384 Seiten in der deutschen Version finden sich 10 Kapitel:

  • Einleitung und Zusammenfassung der Änderungen
  • Lebensrettende Basismaßnahmen bei Erwachsenen und automatisierte externe Defibrillation (AED)
  • Elektrische Therapie
  • Erweiterte Reanimationsmaßnahmen für Erwachsene
  • Management des Akuten Koronarsyndroms
  • Lebensrettende Maßnahmen bei Kindern
  • Wiederbelebung von Neugeborenen
  • Kreislaufstillstand unter besonderen Umständen- Ertrinken, Hypothermie, Vergiftungen und Anderen
  • Prinzipien des Trainings der Wiederbelebung
  • Ethik der Reanimation und Entscheidungen am Lebensende

 

Ausbildungsziel bleibt die komplette HLW mit Beatmung

Eine „gute“ Nachricht vorweg: wir müssen keine neuen Rhythmen lernen. Betont wird aber die Wichtigkeit frühzeitiger, möglichst wenig unterbrochener, effektiver Herzdruckmassage.

Der Druckpunkt wird, um zu einer einfachen klaren Aussage zu kommen, auf die Mitte der Brust (untere Brustbeinhälfte) gelegt.

Die Eindrücktiefe wird ohne Spielraum bei Erwachsenen auf 5 cm (nicht mehr als 6 cm) und für Kinder von 1-8 Jahre auf 4 bzw. 5cm festgelegt. Die Frequenz soll bei mindestens 100 pro Minute (nicht über 120) liegen, damit bei Berücksichtigung der anderen Maßnahmen eine effektive Frequenz von 60/Min erreicht wird.

Untrainierte Ersthelfer sollen vom Leitstellendisponenten telefonisch ermutigt werden, gegebenenfalls nur die Herzdruckmassage durchzuführen. Eine Schnappatmung soll als Zeichen des Kreislaufstillstandes frühzeitig erkannt werden. Im weiteren Verlauf wird in den Leitlinien aber deutlich, dass der ERC an dem Ausbildungsziel der kompletten Herz-Lungen- Wiederbelebung mit Beatmung festhält.

Auf die Wichtigkeit der initialen Beatmung (5mal) wird besonders in den Kapiteln zur Reanimation von Kindern und Ertrunkenen eingegangen.

In der Kinderreanimation unerfahrene Helfer sollen im Zweifelsfall Kinder wie Erwachsene behandeln.

AED nun Basismaßnahme

Ein auf sich ganz allein gestellter Helfer sollte ungefähr eine Minute wiederbeleben, bevor er Hilfe holt, dazu sollte er bevorzugt ein Mobiltelefon einsetzen.

Die Kapitelüberschriften machen schon deutlich, dass die automatische externe Defibrillation nun Eingang in die Basismaßnahmen gefunden hat. Mit Genugtuung kann die Medizinische Leitung der DLRG feststellen, dass hier für unsere Organisation gute Vorarbeit geleistet wurde. Es bleibt aber zu betonen, dass der Geräteeinsatz die anderen Basismaßnahmen nicht verzögern oder länger (5 sec!) unterbrechen darf.

Es wird nicht mehr empfohlen eine feste Zeit der Basisreanimation einzuhalten, bevor Rettungsdienstkräfte beim unbeobachteten außerklinischen Kreislaufstillstand defibrillieren. Eintrainierte Handlungsabläufe dürfen aber beibehalten werden.

Auch die Sicherung der Atemwege durch Einführen eines Tubus in die Luftröhre als „Goldstandard“ darf nicht zu einer merklichen Unterbrechung der Basismaßnahmen führen. Als Alternative zur Beutel- Maske- Beatmung finden so genannte supraglottische Beatmungshilfen stärkere Beachtung. Eine Entwicklung, der die DLRG durch Pilotprojekte in den LV Baden und Nordrhein bereits Rechnung trägt.

Betont wird auch die frühzeitige Sauerstoffgabe. Dabei wird für den Rettungsdienst gefordert, den Effekt durch die Pulsoxymetrie zu überwachen und die Sauerstoffkonzentration des Einatemgases zu reduzieren, wenn die Sauerstoffsättigung im Blut 98% erreicht hat.

Eigenstudium mit minimaler Anleitung

Beim Verdacht auf Herzinfarkt bzw. akutem Koronarsyndrom wird für den Rettungsdienst empfohlen kein Nitrospray zur Diagnostik einzusetzen und gegebenenfalls am nächsten Krankenhaus vorbei, ein Krankenhaus anzusteuern, welches eine 24h Bereitschaft eines Herzkatheterlabors bereithält.

Da reanimierte Patienten mittlerweile für 24h bei einer Körpertemperatur von 32-34 C gehalten werden, sind außerklinische Aufwärmversuche kritisch zu sehen.

Drei weitere Aspekte sollen hier noch Erwähnung finden:

1. Stabile Seitenlage:

dazu wird angeführt, dass es viele Möglichkeiten gibt, wichtig sei dass sie wirklich stabil sei.

Der ERC favorisiert die vereinfachte Version und betont, dass zur Schonung des untenliegenden Armes nach 30 Minuten die Seite gewechselt werden sollte.

2. Lehre:

Kurze Video-/Computer-Kurse zum Eigenstudium mit minimaler Anleitung durch Ausbilder werden als effektive Alternative zu traditionellen Ausbilderkursen angesehen. Eine Aussage, die das vom Bundesarzt initiierte Mini-Anne-Projekt voran bringen könnte. Es wird betont, dass nach 3 bis 6 Monaten die Kenntnisse in der Wiederbelebung stark nachlassen können und individuell unterschiedlich Auffrischungen angebracht sind. (Von uns in dieser Zeitschrift schon 1993 so dargestellt anhand eigener Untersuchungen.)

3. Wiederbelebung im Wasser:

Es wird klar herausgestellt, dass eine Herzdruckmassage grundsätzlich nicht möglich ist und eine Beatmung an viele Voraussetzungen geknüpft ist (Stand für den Helfer, Auftriebshilfen usw.). Nach einer Minute Beatmungsversuch soll unter Freihalten der Atemwege der Strand angestrebt werden.

Die endgültige Version der deutschsprachigen Leitlinien zur Wiederbelebung ist Ende November in der Zeitschrift Notfall und Rettungsmedizin 7/10 veröffentlicht worden. Bei der Medizinischen Leitung laufen die Vorbereitungen für eine zeitnahe Umsetzung in die Ausbildungsunterlagen der DLRG. Mit deren Erscheinen erlangen sie dann Verbindlichkeit für unseren Verband.

Dr. med. Ulrich Jost
Facharzt f. Anästhesiologie Intensivmedizin
Ltd. Notarzt
Sportmedizin
Tauchmedizin (GTÜM)
Medizinischer Lektor DLRG