Deutschland ein Land der Nichtschwimmer?

Dienstagvormittag, morgens um halb zehn. Busfahrer Harry Sturm ist mit den Viertklässlern der Wagrienschule aus Oldenburg in Holstein auf dem Weg ins 30 Kilometer entfernte Sierksdorf. Ihr Ziel: das dortige Schwimmbad. "Ich mag den Schwimmunterricht sehr, aber ich finde es doof, dass man solange fahren muss", sagt einer der Schüler. Ein Bad im heimischen Oldendorf gibt es aber schon lange nicht mehr. Deshalb nehmen Sportlehrerin Taryn Bader, einer ihrer Kollegen und die Kinder Woche für Woche die Fahrt in Kauf. Zusammen eine Stunde für Hin- und Rückfahrt, weitere 30 Minuten für das Umziehen und Duschen. Eine halbe Stunde bleibt für den Schwimmunterricht.

Doch auf das Schwimmen lernen zu verzichten, kommt nicht infrage: "Ich bin selbst ein Küstenkind und auch alle Kinder, die hier sind, sind Küstenkinder", so Tary Bader, die neben Sport noch Englisch und Deutsch unterrichtet. "Ich finde es hier, aber auch generell, besonders wichtig, dass die Kinder schwimmen können, dass sie sich über Wasser halten können, dass sie im Notfall wissen, was zu tun ist und nicht in Panik geraten", beschreibt die Lehrerin ihre Motivation. Natürlich wünsche sie sich mehr Zeit im Wasser. Mehr als die zwei Stunden seien jedoch nicht drin - und dass auch nur, weil vor und nach der Doppelstunde eine längere Pause liegt, die beide mitgenutzt werden.

"Das Engagement von Frau Bader sowie die Unterstützung der Schulleitung und der Gemeinde Sierksdorf, die Zeit im Schwimmbad zur Verfügung stellt, sind vorbildlich", sagt der Präsident der DLRG, Achim Haag. Das Beispiel der Wagrienschule verdeutliche aber auch eines der Probleme, die dazu führen, dass die Schwimmfertigkeit in der Bevölkerung bereits seit längerem abnimmt: 20 bis 25 Prozent der Schulen bieten gar keinen Schwimmunterricht mehr an. Es fehlt vor allem an ortsnahen Bädern, aber auch an für die Ausbildung qualifiziertem Personal.

Immer mehr Nichtschwimmer

Die Folgen dieser Entwicklung spürt Taryn Bader während ihres wöchentlichen Unterrichts. "Es ist mittlerweile so, dass immer mehr Nichtschwimmer dabei sind. Früher war das genau anders herum. Das Gros waren Schwimmer, nur die Minderheit Nichtschwimmer." Dabei wäre es nicht nur aus Sicht der DLRG wünschenswert, dass bis zur vierten Klasse zumindest wichtige Grundlagen bereits gelegt sind. Den Umständen geschuldet beginnt die Sportlehrerin bei vielen Schülerinnen und Schüler zunächst mit der Wassergewöhnung. "Überhaupt erstmal ins Wasser gehen, den Kopf unter Wasser tauchen, das ist für einige eine große Herausforderung." Diejenigen, die schon schwimmen können, trainieren parallel für ihre Schwimmabzeichen und werden so zu sicheren Schwimmern.

Diesen Nachweis erbringen am Ende der Grundschule nur noch eine Minderheit der Jungen und Mädchen. Eine von der DLRG in Auftrag gegebene forsa-Umfrage hat im vergangenen Jahr aufgezeigt, dass 59 Prozent der Zehnjährigen keine sicheren Schwimmer sind, also nicht mindestens die Anforderungen an das Jugendschwimmabzeichen Bronze (Freischwimmer) erfüllen. "Die Schwimmfähigkeit der Kinder im Grundschulalter ist weiterhin ungenügend. Im Durchschnitt besitzen nur 40 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen ein Jugendschwimmabzeichen", kommentierte DLRG-Präsident Haag das zentrale Ergebnis der Befragung während der Vorstellung im Juni 2017 in Hannover.

Ein weiteres Resultat der repräsentativen Umfrage unter 2.000 Bürgerinnen und Bürgern: Drei von vier Kindern der befragten Eltern haben das Seepferdchen absolviert. Das Seepferdchen ist jedoch kein Schwimmabzeichen. Kinder, die es ablegen, können sich auf einer Strecke von 25 Metern über Wasser halten. Ein erster, wenn auch wichtiger Schritt auf dem Weg zum sicheren Schwimmer, mehr nicht. "Die weiterführende Schwimmausbildung dagegen scheint in der Grundschule offenbar aus der Mode gekommen zu sein", sagt Haag. Lernten bei den heute über 60-Jährigen noch 56 Prozent der Befragten das Schwimmen während der Grundschulzeit, war es unter den 14- bis 29-Jährigen nur noch jeder Dritte. "Das ist so nicht hinnehmbar", beklagt der DLRG-Präsident die Situation. "Wenn diese Entwicklung weitergeht, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Deutschland zu einem Land der Nichtschwimmer wird."


Bäder müssen erhalten werden

Neben fehlendem Schulschwimmunterricht gebe es weitere Gründe für die zurückgehende Schwimmfähigkeit der Deutschen im familiären und im Freizeitbereich, räumt Haag ein. "Eltern haben natürlich auch eine Verantwortung, doch wird es ihnen alles andere als leicht gemacht. Das Schließen ausbildungsgeeigneter Schwimmbäder aus Kostengründen oder zugunsten freizeitorientierter Spaßbäder droht auch abseits der Schulen die Möglichkeiten zu reduzieren, das Schwimmen zu lernen." Ausbildende Vereinen gehen infolgedessen wertvolle Wasserflächen verloren. Wartelisten für Schwimmkurse werden länger und länger. Gegen diesen Trend stemmt sich die DLRG als Gesamtverband wie auch als Mitglied der 2017 neu gegründeten Bäderallianz Deutschland. Haag: "Wer Bäder schließt, handelt fahrlässig und verantwortungslos. Wir werden unsere Arbeit für den Fortbestand der Bäder auf allen Ebenen weiterführen."

Diese Arbeit trägt erste Früchte, ist sich der DLRG-Chef sicher. So habe die Veröffentlichung der Ergebnisse der forsa-Umfrage für großes Aufsehen in der gesamten Bundesrepublik gesorgt. Zahlreiche Landkreise und Gemeinden analysierten die Schwimmfähigkeit der eigenen jungen Bevölkerung, diskutierten Lösungsansätze für Verbesserungen in der Schwimmausbildung und ergriffen zum Teil bereits konkrete Maßnahmen dafür. "Doch gerade in Sachen Bädererhalt müssen die Anstrengungen in den Kommunen noch deutlich verstärkt werden", fordert Haag. "85 Prozent der Menschen wollen ihr Bad um die Ecke behalten. Das ist die große Mehrheit. Darauf sollte die Politik hören."

Ein weiteres positives Signal: Die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) hat im Herbst 2017 Empfehlungen zur Förderung der Schwimmausbildung für den Schwimmunterricht in der Schule verabschiedet. Darin wird das sichere Schwimmen als grundlegendes Ziel für den Schwimmunterricht formuliert, das möglichst alle Kinder erreichen sollen.

Bundestag diskutiert Bädersituation

Bereits zuvor hatte der Sportausschuss des Deutschen Bundestages das Thema Schwimmfähigkeit auf die Agenda. DLRG-Vizepräsident Dr. Detlev Mohr und Pressesprecher Achim Wiese stellten dort am 21. Juni 2017 Zahlen zur Entwicklung der Schwimmfähigkeit vor. Daraufhin gab es im Plenum des Bundestages auf Verlangen der Fraktion Die Linke eine aktuelle Stunde zum Thema "Kindern das Schwimmen lernen ermöglichen - Auswirkungen von Privatisierungen und Schwimmbadschließungen". Die Abgeordnete Ute Vogt, Mitglied der SPD-Fraktion und Vizepräsidentin der DLRG forderte in ihrem Redebeitrag mehr Investitionen des Bundes für die Erhaltung von Bädern sowie ein erhöhtes Bewusstsein dafür, dass das Schwimmen ein wichtiger Teil der persönlichen Entwicklung ist, und dass das Schwimmen lernen wieder zu einer Selbstverständlichkeit in unserer Gesellschaft werden sollte.

Sollte dies eines Tages wieder der Fall sein, bleibt womöglich auch den Grundschülerinnen und -schülern der Wagrienschule in Oldenburg die wöchentliche Fahrt ins Schwimmbad nach Sierksdorf erspart. Solange kosten die Kinder jede Minute der geringen Zeit im Wasser aus und lassen Busfahrer Harry Sturm auch schon mal warten. Der wiederum hat dafür Verständnis: "Wir sollen zehn vor elf abfahren, das schaffen wir in den meisten Fällen nicht. Meistens wird das elf oder ein paar Minuten später. Ich sehe natürlich ein, dass die Klasse die Zeit zum Schwimmen nutzen will, weil eben sonst keine Schwimmhallen zur Verfügung stehen."

Bäderallianz Deutschland

In der Bundesrepublik gibt es derzeit rund 5.000 Bäder. Jährlich werden durchschnittlich 80 Schwimmbäder geschlossen. Dieses schleichende Bädersterben muss, so eine zentrale Forderung der 2017 gegründeten Bäderallianz Deutschland, endlich beendet werden. Dazu werden kurzfristig für anstehende Sanierungen mindestens 4,5 Milliarden Euro benötigt. Für den laufenden Unterhaltszuschuss seien außerdem jährlich rund drei Milliarden Euro erforderlich. Der Sprecher der Bäderallianz Deutschland, Dr. h. c. Fritz Schramma, sagt dazu: "Es darf keine Frage der finanziellen Mittel einer bestimmten Stadt oder Gemeinde sein, ob dort Bäder für das Schulschwimmen zur Verfügung stehen und die Kinder schwimmen lernen können. Bäder, die für die Daseinsvorsorge gebaut werden, müssen auch über ihre gesamte Lebensdauer bei den Betriebskosten bezuschusst werden und bezuschusst werden können, sonst können Sie ihre Aufgaben nicht erfüllen."

Weiter fordert die Bäderallianz, eine nutzergerechte Verteilung der Wasserzeiten für Öffentlichkeit, Schulen und Vereine sicherzustellen. Die Bäderversorgung für die zu erwartende wachsende Anzahl von Grundschulkindern (Studie Bertelsmann-Stiftung 2017) müsse gesichert und die Schwimmausbildung auf allen Ebenen massiv gefördert werden. Die Zunahme der Zahl der Nichtschwimmer in Deutschland müsse gestoppt werden. Schließlich sei dem fortschreitenden Mangel an Badpersonal entgegenzuwirken. Eine deutliche Steigerung der Qualität des Schwimmunterrichts im Rahmen des Schulsports sei notwendig. Lehrkräfte müssten nach einheitlichen Standards in der Schwimmausbildung und Rettungsfähigkeit ausgebildet und geprüft werden.

Die Bäderallianz Deutschland fordert die Politik auf, jetzt die Weichen für den Erhalt und die nachhaltige Weiterentwicklung der deutschen Bäder zu stellen. Dem Zusammenschluss gehören neben der DLRG, die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen, das Bundesinstitut für Sportwissenschaft, der Deutsche Sportlehrerverband und sieben weitere Verbände an. www.baederallianz.de